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12. Dezember 2018
Menschen 08.10.2018

Die VDV-Sommeruni in Wuppertal

„Ein scheiß Prozess bleibt ein scheiß Prozess, auch wenn man ihn elektrifiziert.“ Wir befinden uns in Wuppertal, bei der Begrüßung zur 5. VDV-Sommer-Universität zum Thema „Zukunftsfähiger ÖPNV in Wuppertal“. 15 Studierende sitzen im Hörsaal des Altbaus Campus Haspel und schmunzeln, als Herr Jaeger von den Wuppertaler Stadtwerken frei zitiert. Digitalisierung sei mehr als bloße Aufrüstung bestehender Systeme.

Felix Huber, Dekan der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der Bergischen Universität Wuppertal, hat bereits einen eingehenden Einblick in die Geschichte Wuppertals gegeben, auf den Herr Jaeger schnell aufbauen kann. Er hat von den Anfängen Wuppertals erzählt, einer blühenden Textilstadt. Vom Krieg, der nicht viel von der kleinen Metropole übriggelassen hat und dem schnellen Wiederaufbau.

In dieser Sommer-Uni geht es wieder um Zukunft und ich bin ehrlich, ich war kurz skeptisch, als ich „Wuppertal“ las. Wuppertal kenne ich, weil ich hier umsteige oder daran vorbeifahre. Freundlich sieht die Stadt nicht aus und ich habe definitiv Respekt vor dem Busfahrpersonal, welches diese Berge meistert. Die Referierenden aus Wuppertal sind hier aber meiner Meinung: Die Begeisterung und Liebe zu Wuppertal haben keinen ästhetischen Hintergrund.

Ulrich Jaeger, Geschäftsführer WSW mobil GmbH
Ulrich Jaeger, Geschäftsführer WSW mobil GmbH

Herr Jaeger erzählt weiter, dass ihn der pragmatische Ansatz der Wuppertaler im Umgang mit der Stadt fasziniert. „Wenn da was im Weg ist, dann kommt das halt weg. Da geht nur die gerade Linie.“ Er geht mit gutem Beispiel voran und erzählt den Studierenden, die in dieser Woche ein mehr oder weniger umsetzungsfähiges Zukunftskonzept für den ÖPNV in Wuppertal konzipieren sollen, was die WSW so planen. Es gibt eine übergreifende Wuppertal App, die den Nutzer*innen Fahrkarten verkauft, Verkehrsinformationen liefert und sie sowieso mit allen aktuellen Informationen zu Wuppertal versorgt. Er erzählt, dass sie eine Seilbahn bauen wollen. Und überhaupt, E-Busse machen in Wuppertal nicht so viel Sinn, topographisch ist die Stadt nämlich eine wahre Herausforderung. Aber ein paar Busse mit Wasserstoffantrieb, das würde funktionieren. Sie würden da schon etwas planen.

Ich meine unter den Studierenden eine gewisse Stimmung zu fühlen. Ja, das hört sich ja super an, aber in solchen Sachen jonglieren die Akteure ja mehr mit so großen Zahlen wie 2030 oder 2040. Lauter Planzahlen, die man nächste Woche schon wieder vergessen hat. Herr Jaeger scheint die kurze Pause zu nutzen, um seinen mittlerweile wohl antrainierten Wuppertaler Pragmatismus zu beweisen: Im ersten oder zweiten Quartal 2019 soll es dann losgehen. Ein einfacher Satz ohne Vielleicht oder Aber und mir kommt Kopenhagen in den Sinn. Das ist laut dem Smart City Index die „smarteste“ Stadt der Welt. Die erste deutsche Stadt ist auf Platz 7, aber, wenn ich mir die Pläne von Herrn Jaeger anhöre, dann wird sich das denke ich schnell ändern. Spätestens im zweiten Quartal 2019.

Prof. Reutter begleitete die Studierenden der Sommeruni
Prof. Reutter begleitete die Studierenden der Sommeruni

Professorin Reutter schließt daran an und bespricht mit den Studierenden Digitalisierung. Das scheint irgendwie das Thema für die diesjährige Sommer-Uni zu sein. Aber das wundert eigentlich niemanden, immerhin betrifft Digitalisierung mittlerweile fast jeden unserer Lebensbereiche und ist längst etwas Anderes als Neuland. Sie selbst hat sich auch schon viele Gedanken gemacht, wie man die Welt effektiver digitalisieren kann und ist ganz Feuer und Flamme, den Studierenden ein paar herausfordernde Fragen zu stellen.

Wenig später finden wir uns zusammen im Seminarraum wieder, meine Kollegin Ilona gibt eine kurze Einführung in die Zukunftskonferenz (über die man HIER noch etwas nachlesen kann) und die Studierenden legen los. Kennen gelernt haben sie sich bereits am Sonntag, sie decken sich also mit Materialien ein und fangen an zu arbeiten. Wir haben ihnen Rollen zugeteilt, von Oberbürgermeister über Bereichsleiterin Technik im Verkehrsunternehmen hin zum Radfahrer und diese nutzen sie, um gemeinsam Konzepte zu entwickeln, wie man den ÖPNV in Wuppertal optimieren kann.

Auch hier ist schnell klar, welchen Fokus die Studierenden auf die diesjährige Sommer-Uni legen werden. Digitalisierung, Umweltbewusstsein und Inklusion sind wiederkehrende große Themen, mit denen sie sich beschäftigen. Ein ständiger Betrieb mit flexiblen Bedienformen und autonomer Mobilität scheint die Lösung aller Probleme. Schließlich einigen sie sich auf ein Leitziel: Der Nahverkehr in Wuppertal in 2030 zeichnet sich aus durch: Durch den Seilbahnausbau und die autofreie Innenstadt verdoppeln wir den ÖV-Anteil und verfünffachen den Anteil des Radverkehrs am Modalsplit (Ausgangspunkt 2012).

Cut, Szenenwechsel zum Donnerstagmorgen. Die Räume des Altbaus Haspel liegen ruhig da, immerhin sind Semesterferien. Ich sitze allein im Raum mit den Materialien und arbeite, während die Studierenden im Nebenraum genau das Gleiche tun. Zwischendurch kommt jemand herein, nimmt sich ein paar Zeitschriften oder Stifte mit und verschwindet wieder. Bis zwölf Uhr haben sie noch Zeit, um ihre Abschlusspräsentation vorzubereiten und man meint, eine gewisse Anspannung zu merken. „Wir gehen jetzt den Hörsaal vorbereiten.“ sage ich und verteile die Essensmarken für die Mensa. Ein allgemeines Gemurmel, der ein oder andere schaut sogar von seinem Laptop auf. „Habt ihr Karteikarten oder so?“ fragen zwei und ich setze an, im Materialienraum danach zu suchen. „Ich habe 200, ihr könnt welche abhaben.“ Wirft eine Studentin ein und schiebt den Betroffenen einen Packen zu. Es sind vier Gruppen, eingeteilt in Planung, Betrieb, Technik und Marketing und sie arbeiten zusammen, wie sich das ein Unternehmen nur wünschen kann.

Voller Einsatz bei der Ergebnispräsentation
Voller Einsatz bei der Ergebnispräsentation

Das merkt man auch bei den darauffolgenden Präsentationen. Die vier unabhängigen Gruppen haben über die zwei Tage, die sie zur Verfügung hatten, strukturiert zusammengearbeitet. Es gibt eine durchgängige Masterfolie (Mit fahrender Schwebebahn oben!) und Referenzen und Querverweise zu den anderen Präsentationen. Das Publikum ist begeistert. Und wir sind noch nicht einmal beim Inhalt. Mit berechtigter Selbstsicherheit stellen sie ihren zukunftsfähigen ÖPNV in Wuppertal vor: Autonome Schwebebahn, autofreie Innenstadt mit ausreichend Park-and-Ride Möglichkeiten, eine Seilbahn an strategischen Punkten und Ausbau der Radwege. Personalplanung durch Apps vereinfachen, ein durchschaubares Ticketsystem mit attraktiven Angeboten (die heute in anderen Städten bereits angeboten werden), Refinanzierung aus diversen Quellen. Umbau der Busse hin zur Inklusion und Fahrradfreundlichkeit, Ausbau der Schwebebahn, Möglichkeiten der Multimodalität, inklusive einer genauen Aufschlüsselung der Kosten. Und zuletzt ein ansprechendes, hintergründiges Marketingkonzept mit Verstand und Humor, bei dem die Studierenden sich intensiv mit den Leitzielen und der Identität der WSW auseinandergesetzt haben.

Der Raum und die Insassen sind begeistert und während die Studierenden sich eine Pause gönnen, berät die Jury. „Das hätte eine Agentur nicht besser machen können.“

Die konstruktive Kritik die es gab, wurde von vier Auserkorenen aus den Reihen des Publikums vorgestellt und alle waren sich einig: Hier und da gibt es ein paar offene Fragen oder Dinge, die man doch noch einmal diskutieren sollte, aber im Großen und Ganzen ist man beeindruckt davon, was diese jungen Menschen in der kurzen Zeit auf die Beine gestellt haben. Prof. Girnau und Martin Schmitz greifen das in den darauffolgenden Keynotes auf. Es ist großartig, eine solche Begeisterung zu sehen. Sie beide erzählen davon, was sie selbst zum ÖPNV gebracht hat und woher ihre eigene Begeisterung kommt. „Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, das ÖV-Gen bei Ihnen zu wecken“, sagt Herr Girnau und als er seine flammende Rede über die Entwicklungen und Notwendigkeiten des Öffentlichen Verkehrs beendet hat, werden sogar die längst in die Vorgänge des ÖV integrierten Personen aus den Verkehrsunternehmen wieder ganz nervös. Der Tatendrang ist spürbar, aber Herr Girnau hebt noch einmal die Hand. Die Studierenden sollten sich das gut überlegen, was sie wirklich machen sollen. Im Zweifel würden sie in ihrem Job ihr ganzes Leben lang festsitzen und bevor man voreilig eine profitgesteuerte Entscheidung träfe, sollte man sich doch lieber etwas Zeit nehmen. Martin Schmitz greift hier auf und setzt noch einmal nach. Die Branche ist mehr denn je im Umbruch und es geht in großen Zügen :-) vorwärts. Aber sie gibt eben auch zurück und Begeisterung ist hier nie fehl am Platz.

Die Studierenden nicken. Ich fühle mich wie in einem Film, Herr der Ringe oder so. Es wurden großartige Reden gehalten und jetzt geht es auf nach Mordor. Aber eigentlich geht es in die Mensa, Abendessen. Das Fachpublikum kommt mit und alle sitzen gemeinsam am Tisch und unterhalten sich in einer bunten Mischung aus Trends im ÖPNV, möglichen Praktika und witzigen Geschichten aus dem Leben.

Die Studierenden bedanken sich noch einmal und ich winke gerührt ab. Meine Kollegin Sabine und ich haben genauso von den Ideen der Studierenden profitiert wie die Unternehmen und wir haben am Tisch schon viele Dinge für das kommende Jahr geplant.

Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle auch an die Wuppertaler Stadtwerke, die mit einem unglaublichen Engagement an der Planung der Sommer-Uni beteiligt waren und sowohl inhaltlich wie auch organisatorisch über die Maße hinaus mit uns zusammengearbeitet haben.

Auch der Lehrstuhl von Frau Prof. Reutter an der Bergischen Universität Wuppertal, inklusive Prof. Reutter natürlich, hat uns begeistert inhaltlich zur Seite gestanden und stets motiviert alle Räume zugänglich gemacht.

Auch ein großes Dankeschön an unser Fachpublikum aus den Verkehrsunternehmen für ihre Bereitschaft, den jungen Nachwuchstalenten den nötigen Anstoß in Richtung des ÖV zu geben und sie entsprechend zu fördern.

Und nicht zuletzt dem unheimlich freundlichen Team des Hochschulsozialwerks der Bergischen Universität Wuppertal und Herrn Löcker, der die Studierenden am Sonntag vorab mit Wuppertal vertraut gemacht hat.

Ich sage das Gleiche wie zu den Studierenden: „Wir haben zu danken.“

Professorin Reutter  bespricht mit den Studierenden Digitalisierung. Das scheint irgendwie das Thema für die diesjährige Sommer-Uni zu sein. Aber das wundert eigentlich niemanden, immerhin betrifft Digitalisierung mittlerweile fast jeden unserer Lebensbereiche und ist längst etwas Anderes als Neuland.

Glückliche Studierende & Zuhörende bei der 5. VDV-Sommeruni in Wuppertal
Glückliche Studierende & Zuhörende bei der 5. VDV-Sommeruni in Wuppertal
Autor

Ivo Hewing

Ivo mag klare Aussagen und Kreativität. Das versucht er auch in seiner Arbeit als Veranstaltungsorganisator bei der Akademie einfließen zu lassen. Wenn er nicht gerade mit westfälischem Feinsinn Tischdecken geraderückt, findet man ihn bestimmt auf einem Jazz- oder Metalkonzert oder bei einer Bergwanderung.

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