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22. Oktober 2019
Unternehmen 09.05.2019

Diskriminierung hat bei uns keinen Platz

"Wer von euch wurde denn schon einmal diskriminiert?" Alle zeigen auf. "Na toll," denke ich, "mit den drei Stunden kommen wir nie hin."

Ein paar Wochen zuvor hat Michael Weber-Wernz mir den Auftrag gegeben, einen Workshop mit meinen KollegInnen durchzuführen. Thema: Anti-Diskriminierung. Warum? Es gab eine Aussage auf einer unserer Veranstaltungen, die uns das Gefühl gegeben hat, eine einheitliche Sprache für die Akademie erarbeiten zu müssen. Damit wir schnell und angemessen auf unangemessene Bemerkungen reagieren können.

Mein Ziel für diesen halben Tag ist es, meine KollegInnen dafür zu rüsten, für eine offene und tolerante Welt einzustehen. Nach einem wilden Rechercheritt durch das Internet, diversen Statistiken, Erfahrungsberichten und Handlungsstrategien habe ich zumindest eine Basis: Was ist Diskriminierung?

Ich stelle das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 als Rechtsgrundlage vor und füttere meine KollegInnen mit Informationen über Geflüchtete. Den Unterschied zwischen einer Aufenthaltserlaubnis und einer Duldung, insbesondere bezüglich der Arbeitserlaubnis, Kriminalitätsrate und tatsächliche Zuwanderungszahlen. Der Konsens ist uns allen klar: Es ist halt alles gar nicht so schlimm. Aber darum geht es mir in dem Workshop auch nicht.

Ich habe ein unterschwelliges Ziel, neben der Informationsweitergabe.

Ich will ein Bewusstsein schaffen für die Formen, die Diskriminierung annehmen kann und schicke meine KollegInnen deswegen in kleine Rollenspiele.

Hier nehmen sie die Täter- oder Opferrolle ein und sollen genau beschreiben, was passiert ist und wie sie sich gefühlt haben. Es sind Situationen, die wir von außen betrachtet stark einseitig als Diskriminierung beobachten: die Fahrscheinkontrolle einer ausländisch aussehenden Person, das Bewerbungsgespräch eines Bewerbers mit Migrationshintergrund und das Briefing eines Dozenten, der Frauen nur als Sekretärinnen und Hausfrauen kennt

Wir teilen von vornherein in Täter- und Opferrollen ein und ich muss schmunzeln. Mal sehen, wie das läuft. Später evaluieren wir das Ganze und das Bewusstsein bleibt erst einmal. Bis Angela, die eine Fahrscheinkontrolleurin gemimt hat, sagt: „Naja ich kann es schon verstehen. Es nervt halt glaube ich einfach, immer wieder das Gleiche erzählen zu müssen.“ Und Sabine, die mir den sexistischen Dozenten mimen sollte, sagt: „Ich war in der Rolle einfach überfordert. Meine Rolle hat etwas Anderes erwartet, ich habe meine eigene Hilflosigkeit gespürt und bin direkt auf Angriff gegangen.“

Die offensichtliche Diskriminierung, die in den Rollenspielen stattgefunden hat, wirft also die Frage auf: Warum ist das alles so passiert? Ich frage insbesondere die Täterinnen, wie sie sich gefühlt haben. Schlecht, sagen sie alle. Und ab da wird es schon kompliziert: Katja als Personalerin hat sich machtvoll gefühlt und das Gefühl mit ihrer Diskriminierung verstärkt. Sabine und Britta, beide in der Dozentenrolle, haben sich von vornherein missverstanden und uninformiert gefühlt, ihre Rolle hatte einfach etwas Anderes erwartet und konnte mit der Situation nicht umgehen. Und Angela sagte, sie war hauptsächlich genervt, dass die Person vor ihr sich offensichtlich nicht gut genug mit den Tarifbestimmungen auseinandergesetzt hat.

Wir reden während der vier Stunden, die wir brauchen, sehr viel über Diskriminierung und Erfahrungen, die wir gesammelt haben. Über Situationen, in denen wir Opfer waren. Irgendwann sage ich:

„Wir leben alle in einer Bubble.“

Und meine damit, dass wir eine einseitige und abgeschlossene Sicht auf Diskriminierung haben. Während des Workshops versuche ich an verschiedenen Stellen aufzuzeigen wie wichtig es ist, andere Sichtweisen einzunehmen: „1989 waren in Deutschland ungefähr 62 Millionen Menschen. 1991 sind es plötzlich 79 Millionen. Was ist passiert?“ Mauerfall, sagen alle und lächeln. Klar, innerdeutsche Grenze geöffnet und darauffolgende Einwanderung sorgen für den krassen Anstieg der Zahl. Ich drücke auf den Laserpointer und zeige auf das Jahr 1991. „Ist ja schon krass, dass da plötzlich 17 Millionen Menschen kommen und die Welt nicht untergeht. Aber jetzt überlegt mal, wessen Sichtweise das ist. Und wie krass es für Ostdeutschland gewesen sein muss, als aus 17 Millionen Menschen plötzlich 79 Millionen geworden sind.“ Kurzes Schweigen. „Das nennt man eine hegemoniale Perspektive.“ sagt Katja, die gerade ihren Doktor in Soziologie gemacht hat. „Also die Sichtweise der Mehrheit.

Wenn wir schon über Mehrheit reden: In der Akademie sind wir übrigens hauptsächlich Frauen. Stefan merkt im Laufe eines Gesprächs an, dass er es auch nicht gut findet, dass die KollegInnen über Männer fast ausschließlich als Aggressoren und diskriminierende Menschen reden. Es kommt Unruhe auf unter den Kolleginnen und sie sind sich einig: Das war so eigentlich nicht gemeint.

Mein Ziel ist erreicht, es ist ein wichtiges und besonderes Bewusstsein geschaffen worden: Wir alle diskriminieren. Nun bleibt es an uns, damit umzugehen. Dieses Gespräch hat dazu geführt, dass wir halbjährlich in unseren Meetings über genau so etwas reden wollen: Ist jemandem innerhalb des Teams eine Situation aufgefallen, die nicht in Ordnung war? Sowohl intern als auch extern?

Das ist natürlich nicht das Ende des Workshops. Ich betone noch einmal, dass wir alle irgendeine menschenfeindliche Meinung haben und schalte auf die nächste Folie um:

Methoden in der Antidiskriminierungsarbeit

  • Perspektivwechsel (Wer empfindet was als Problem?) 
  • Reflexion eigener Wahrnehmungsverhältnisse 
  • Kommunikation 
  • Einfache Sprache bei Kommunikationsschwierigkeiten
  • Selbstbewusstsein

Perspektivwechsel ist bei Antidiskriminierungsarbeit besonders wichtig, sage ich. Aber nicht nur hin zu Opferrolle. Es ist fast noch wichtiger darüber nachzudenken: Warum denkt der vermeintliche Täter oder die vermeintliche Täterin so? Was hat die Person zu dieser Aussage oder diesem Verhalten bewegt? Denn oftmals basiert Diskriminierung gar nicht darauf, eine bestimmte Menschengruppe schlecht zu finden.

Viel öfter ist es die eigene Realität, die Diskriminierung hervorruft. Deswegen muss man sich immer fragen: Was hätte ich an der Stelle dieser Person getan? Und zwar ganz ehrlich. Und ganz konsequent. Das beinhaltet auch, sich in die Rolle der anderen Person einzufühlen. Und ganz klar zu trennen: Was ist mein Informationsstand und wie viel weiß die andere Person? Wie war mein Tagesablauf bisher und wie war der Tagesablauf der anderen Person? Um sich dann in der Reflexion eigener Wahrnehmungsverhältnisse zu fragen: Inwieweit bin ich gerade eigentlich selbst unfair? 

Kein Umstand entschuldigt Diskriminierung, aber viele erklären sie.

Daher ist der nächste Punkt unheimlich wichtig: Kommunikation, zusammen mit dem Verständnis dafür, dass man Fachbegriffe manchmal einfach weglassen sollte. Einfache Sprache und Verständlichkeit (sowohl Formulierung als auch Aussprache und Sprachgeschwindigkeit) des weitergegebenen Wissens sind unheimlich wichtig, um für beide Perspektiven die Diskriminierung aufzuklären und im besten Fall zu beseitigen. Es hat eben noch nie irgendeiner Diskussion geholfen, unnötige Fach- oder Fremdwörter einzuwerfen. Albert Einstein hat es ganz gut formuliert: „Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden.“ Das gleiche gilt für die Aufklärung einer diskriminierenden Sichtweise. Und auf Rechtschreibfehler und Grammatik hinzuweisen, ist im Übrigen nicht besser.

Am Ende steht da das Selbstbewusstsein. „Ihr bildet euch eine Meinung, also vertretet sie.“ Appelliere ich. „Es ist sau schwer, aber ihr habt die Meinung ja aus einem Grund. Und den könnt ihr auch vertreten. Und manchmal ist es auch okay, Grenzen zu überschreiten. Hat die andere Person immerhin auch gemacht. Und schließlich bricht das vielleicht die Barrieren auf die manchmal zwischen uns stehen und eine Diskriminierung verursachen.“ Ich zeige auf das Flipchartpapier hinter mir, auf dem etwas in einer fremden Sprache steht. „Stellt euch vor ihr kommt hier rein und sollt etwas über Diskriminierung lernen und dann steht da sowas. Und keiner erklärt euch, was das heißt. Das ist eine Barriere.“ Ich hoffe still, dass niemand einfach googelt, was auf dem Papier steht, denn ich bin erst im Finnisch Grundkurs 2 und schon dieser einfache Satz hat meine Fähigkeiten überstiegen. „Dabei wäre es so einfach, am Anfang zu sagen ‚Herzlich Willkommen zum Anti-Diskriminierungs-Workshop. Nett, euch kennenzulernen.‘“ Ich merke, wie eine Barriere fällt.

Darüber hinaus ist es ungemein wichtig, sich zu informieren, sage ich. Das haben meine KollegInnen in dem Workshop hinreichend getan, sie fühlen sich jetzt gut informiert über die Begrifflichkeiten und Fakten bezüglich Geflüchteten.

Am Schluss entwickeln wir eine Handlungsstrategie. Hierfür habe ich wieder Szenarien vorbereitet, die wir zusammen durchspielen. Es geht darum, mit schwierigen Situationen auf Veranstaltungen umzugehen und eine gemeinsame Sprache für die Akademie zu etablieren. Wir kommen in etwa auf einen Konsens, aber das ist schwierig, denn jede Person fasst Diskriminierung anders auf. Und ich denke, das ist das eigentliche Ergebnis dieses Workshops. Diskriminierung ist etwas sehr Persönliches, sowohl in der Ausführung wie auch der Auffassung. Daher bin ich auch so froh, dass der Workshop das hervorgebracht hat, was ich mir daraus erhofft hatte: Ein Bewusstsein für die eigene Sichtweise zu schaffen und dafür zu sorgen, diese ständig zu hinterfragen – und aber auch zu stabilisieren. Wir wollen schließlich alle für uns einstehen.

Autor

Ivo Hewing

Ivo mag klare Aussagen und Kreativität. Das versucht er auch in seiner Arbeit als Veranstaltungsorganisator bei der Akademie einfließen zu lassen. Wenn er nicht gerade mit westfälischem Feinsinn Tischdecken geraderückt, findet man ihn bestimmt auf einem Jazz- oder Metalkonzert oder bei einer Bergwanderung.

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