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7. August 2020
12.05.2020

Covid 19 und die Stunde der Wahrheit für Digitales Lernen

Seit Jahren versuchen wir die Akzeptanz und Verbreitung von Digitalem Lernen in der Branche zu etablieren. Dann kommt ein hochansteckendes Virus und treibt alle ins Home Office, wo sie keine andere Wahl haben als digital zu kommunizieren. Problem gelöst – Digitales Lernen etabliert? Natürlich nicht. Was muss Digitales Lernen jetzt leisten?

Pflaume oder Clerici?

Kennen Sie noch die Show „Die Stunde der Wahrheit“, die bis 2003 im Fernsehen lief? Der Moderator war Christian Clerici, aber das musste ich bei Wikipedia nachschauen, ich hätte auf Kai Pflaume getippt. Kai Pflaume ist eigentlich immer ein sicherer Tipp, wenn es um Moderatoren im deutschen Fernsehen geht. Jedenfalls erlernte bei „Die Stunde der Wahrheit“ eine Familie innerhalb von einer Woche eine Aufgabe, irgendwas mit Denken oder Sport. Dabei filmten die Familienmitglieder ihre Fortschritte per Camcorder. Eine Woche später – in der Show – mussten sie die Aufgabe dann vor Publikum präsentieren, ohne Fehler. Der Moderator (in meinem Kopf also Kai Pflaume) sagte zu Beginn der Darbietung immer: „…denn JETZT…schlägt die Stunde der Wahrheit für Familie xy“.

Als sich dieses Jahr irgendwann im März herauskristallisierte, dass wir unsere Lehrgänge durch das Coronavirus bis auf weiteres nicht mehr wie gewohnt mit Präsenzmodulen und in Blended-Learning-Manier umsetzen konnten, fühlte ich mich schlagartig wie Familie xy. Keine Woche, sondern mehrere Jahre hatten wir uns nichtsahnend auf unsere Show vorbereitet und nun sagte plötzlich jemand „…JETZT schlägt die Stunde der Wahrheit für das Digitale Lernen“ und wir mussten von heute auf morgen beweisen, was wir konnten. Vor Publikum. Am besten ohne Fehler, denn die digitale Fehlertoleranz ist extrem gering.

The Show must go on

Das Digitalteam der VDV-Akademie veränderte bewährte Prozesse der Abstimmung mit Dozenten, erstellte in Rekordzeit Lernmaterialien und plante Webinare, für die es bis dahin weder die digitale Infrastruktur noch die Akzeptanz gegeben hatte. Ich möchte uns nicht zu sehr selbst loben; natürlich passierten Fehler. Aber die Intensität, mit der wir das digitale Lernen in den Vordergrund stellten, war erstaunlich. Für einige von uns fühlte es sich an wie ein Wachtraum. „Was ist denn daran so kompliziert?“ hörte ich meine Familie und Freunde fragen. Alles: Die Sensibilisierung für das neue Kommunikationsmedium, das nun benötigte didaktische Eingreifen in die Schulungstage der Dozenten, die Bereitstellung eines stabilen Systems für digitale Lehrgänge, die Erklärung der Technik, die Verhandlung der Erwartungen, die Balance zwischen Qualität und Schnelligkeit. Ich bin immer noch verwundert, dass wir in so kurzer Zeit so viel geschafft haben. Es zeigt, dass Veränderung möglich ist; dass wir manchmal unter Druck stehen müssen, um Neues zu schaffen.

Aber noch gibt es kein Happy End. Noch haben wir die Show nicht verlassen, unseren Preis nicht bekommen (meistens gab es übrigens ein Auto, das würde aber nicht zu uns passen, wir hätten lieber eine Bahncard 100, danke). Digitales Lernen muss jetzt viel leisten, was es eigentlich nicht kann. Unsere Lehrgänge und Tagungen sind nicht nur Wissensvermittlung und Erklärung. Sie sind zwischenmenschlicher Kontakt, Networking, Austausch, langfristige Verbindung zwischen Menschen aus verschiedenen Bundesländern in ähnlichen Jobs. Sie sind auch Austausch mit erfahrenen Dozenten aus der Branche, vor denen man sich trauen kann, Unsicherheiten und Probleme anzusprechen. Sie sind manchmal einfach Quatschen und Herumalbern unter Kollegen. Diese Leichtigkeit kann E-Learning nicht abbilden. Digitale Lernmethoden steigern die Effizienz bei der gemeinsamen Diskussion von Aufgabenstellungen, sie fokussieren auf die Erklärungen der Dozenten, sie sind wirkmächtig im Sinne des explizit Gelernten. Das ist super, dafür wurden sie entwickelt und ich freue mich unendlich darüber, dass das bisher ganz gut klappt. Aber diese Effizienz und dieser Fokus lenken uns auch ab von den Zwischenzeiten, vom Ungesagten, vom Impliziten. Eine ironische Bemerkung geht unter, ein Lächeln am Rande wird nicht gesehen, es gibt keine spontanen Nebengespräche. Das fehlt.

Jonglieren lernen

Was müssen wir jetzt tun? Was muss Digitales Lernen leisten, um vor Publikum zu bestehen? Ich denke, wir müssen die Vorteile weiter nutzen während wir das, was verloren geht, anerkennen. Wenn eine Familie in einer Woche jonglieren lernen muss und feststellt, dass sie beim Jonglieren gerade nicht so gute Gespräche führen kann, ist das okay. Es geht ja gerade ums Jonglieren. Bei uns ist das genauso. Wir stellen fest, dass einiges untergeht, das uns sehr wichtig ist. Ich bin sicher, das geht nicht nur uns so, sondern vielen Bildungsanbietern. Aber es geht gerade ums Jonglieren… also, ums Digitale Lernen. Es geht gerade darum, unseren Teilnehmenden das Wissen zu vermitteln, das sie für ihre weitere Entwicklung im Unternehmen benötigen.

Digitales Lernen kann das und wir sollten dankbar sein, dass wir dadurch nun Neues lernen und sich Möglichkeiten eröffnen. Aber wir sollten auch nicht glauben, dass wir während der Show noch dieselbe Familie sind, die wir nach der Show wieder sein werden. Wir fokussieren uns jetzt auf diese Sache und zeigen, was wir können. Aber wenn die Show vorbei ist und Corona „besiegt“ werden Teilnehmende sich wieder vernetzen, am Kuchenbuffet herumalbern, echte Kontakte knüpfen. Und zusätzlich haben sie dann die Fähigkeit zu jonglieren.


Autor

Dr. Katja Kirsten

Wie man am besten Neues lernt – damit könnte sich Katja den ganzen Tag beschäftigen. Und das macht sie auch hier bei uns in der Akademie als pädagogische Beraterin für die Dozenten und als Entwicklerin unserer Online-Lernmodule. Neben dem Lernen schlägt ihr Herz für Schokolade: Wir wissen immer zu wem wir gehen können, wenn wir im Mittagstief Süßigkeiten brauchen.

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