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16. Mai 2021
21.09.2020

Macht mal neue Mobilität

VDV-Sommeruniversität in Darmstadt: „New Mobility im Rhein-Main-Neckar-Gebiet“

Nachdem ich am Montag die Aufgabenstellung zur diesjährigen VDV-Sommeruniversität erteilt habe, schauen mich 16 hochmotivierte, aber verwirrte Studierende an. Willkommen im Arbeitsleben, denke ich und frage, ob noch etwas unklar ist. Keiner meldet sich, also entlasse ich sie in ihre erste Arbeitsphase. Fragen muss ja meistens auch erst gelernt werden.

Für mich begann die VDV-Sommeruniversität bereits weit im Vorfeld. Zusammen mit der Hochschule Darmstadt, der Frankfurt University of Applied Science, der Technischen Hochschule Mittelhessen und der Hochschule RheinMain sowie der Verkehrsgesellschaft Frankfurt, ESWE Verkehrsgesellschaft, dem Rhein-Neckar-Verkehr und der HEAGmobilo habe ich seit Anfang des Jahres intensiv an der Vorbereitung des Projektes gearbeitet.

Warum gibt es eigentlich eine VDV-Sommeruniversität?

„Ziel war, euch in unterschiedliche Gruppen aus verschiedenen Studiengängen zusammen zu stecken, damit ihr einen Blick über den Tellerrand werft. Die Branche braucht das“ erkläre ich beim Feedback einem Studenten „und für die Unternehmen ist es eine super Recruiting Maßnahme“. Das ist die Kurzfassung.

Der Startschuss

Wo es Sonntag noch locker anfing mit einer Stadtführung und anschließendem Abendessen mit dem Planungsteam durften die Studierenden Montag bereits an die Arbeit. Die beteiligten Unternehmen und die Hochschule Darmstadt stellten sich und ihre Arbeit vor und wurden direkt von den Studierenden mit scharfen Fragen in die Mangel genommen. Sie brennen für ganzheitliche Mobilität und lassen keine Ausreden zu. Die Menschen aus den Unternehmen geraten ein bisschen ins Schwitzen, meistern das Kreuzverhör aber mit Bravour. In vier Gruppen eingeteilt durften die Studierenden danach das Oberthema „New Mobility im Rhein-Main-Neckar-Gebiet“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei ging es nicht darum, bestehende Projekte vorzustellen oder funktionierende Ideen zu entwickeln. Vielmehr sollten eigene Strategien zur besseren Mobilität entwickelt werden, deren konkrete Umsetzungsfähigkeit erst einmal keinen Wert hatte. Die vier Gruppen bekamen unterschiedliche Ansätze: Energie & Umwelt, Soziales & Gesundheit, Finanzen & Controlling und Big Data Analytics & Kommunikation.

Begeisterung auf den zweiten Blick

Als ich die Gruppen eingeteilt habe, sah Begeisterung durchaus anders aus. Bei meinem ersten Besuch in den Arbeitsräumen fand ich dann aber Post-Its, Papiere, Tafeln und Google Sheets in ganzer Aktion – ein Hoch auf diverse Suchmaschinen und die Kraft des geordneten Brainstormings. Die darin geübten Studierenden waren direkt mit Feuereifer dabei, eine möglichst umfassende Lösung für ihre Aufgabe zu finden. Dem Planungsteam war dabei im Vorfeld wichtig, unterschiedliche Perspektiven in den Gruppen herzustellen, sodass wir möglichst unterschiedliche Studiengänge in die Gruppen eingeteilt haben. Um ehrlich zu sein auch möglichst genau die, die nicht zum Thema der Gruppe passen. Das sorgte am Anfang für etwas Überforderung, die Studierenden fanden aber schnell ihre Begeisterung und Passion in den neuen Themen.

Uniferne Einblicke

Am Dienstag gab es dann Besuch für die Gruppen: Expert*innen aus den beteiligten Verkehrsunternehmen sollten für Fragen und Erfahrungsberichte zur Verfügung stehen. Schnell fanden die Menschen aus den Verkehrsunternehmen sich selbst mitten in der Planung einer Neuen Mobilität und wollten fast nicht mehr gehen. Begeisterung steckt halt an, besonders, wenn einem das Thema selbst am Herzen liegt. Mittwoch durften die Studierenden die Arbeitsräume erstmals in die weite Rhein-Main-Neckar-Welt verlassen: Wir trafen uns erst im Hörsaalgebäude für einen Workshop zu „erfolgreichem Präsentieren“. Den habe ich aus gutem Grund so fadenscheinig benannt, denn es ging vielmehr um freies Reden (und das klingt ja schon nach unangenehmen Situationen, ganz ehrlich, da würde ich doch nicht hingehen). Nach einer Blitzrunde, in der die Studierenden in 30 Sekunden ihr Lieblingsthema vorstellen sollten ging es weiter zu PowerPoint-Karaoke. Danach waren zumindest alle wach und haben das freie Reden geübt (und haben gelernt, dass man nicht immer wissen muss was man erzählt, Hauptsache man wirkt überzeugend). Anschließend starteten die Studierenden in zwei Gruppen in die Unternehmen. Der momentanen Pandemie geschuldet konnten nicht alle jedes Unternehmen besuchen, sodass wir sie auf jeweils zwei Unternehmen aufteilen mussten. Während die einen die HEAGmobilo und den RNV besuchten, machten die anderen sich auf den Weg zur Verkehrsgesellschaft Frankfurt und zur ESWE. Hier durften die Unternehmen den Studierenden noch einmal ihre Projekte vorstellen – von einer Baustellenbesichtigung bis zum Fahrsimulator war alles dabei.

Die Höhle der Löwen

Abends zurück in Darmstadt wurde es dann gemütlich bei Pizza, um sich mental auf den nächsten Tag vorzubereiten. Denn am Donnerstag trafen sich die Studierenden, das Planungsteam und die Fachjury, bestehend aus Prof. Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt, Michael Weber-Wernz von der VDV-Akademie, Christan Volz vom RNV und dem Team aus Michael Rüffer und Karlheinz Lebisch von der VGF im Depot der HEAGmobilo in Kranichstein. Mit ausreichend Abstand durften die Studierenden dann die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Schnell wurde klar, dass alle im Prinzip das gleiche Ziel verfolgen: Ganzheitliche Mobilität, die für alle Menschen nutzbar ist. Diversität, Abbau von Barrieren und Umweltbewusstsein standen bei jeder Gruppe im Vordergrund und bildete denke ich einen guten Querschnitt der Grundeinstellung kommender Generationen an Fachkräften. Schon während der Vorträge wurden Fragen gestellt, um den Projekten auf den Zahn zu fühlen. Wo ich erst noch besorgt war, ob die Fragen vielleicht etwas zu detailliert sind (wenn der Geschäftsführer Technik mal anfängt, tiefergehende Fragen zu stellen, kann es schnell schwierig werden für Menschen, die keine Ingenieure sind oder werden wollen). Als die Studierenden dann aber mit gleichsam fundierten Antworten konterten, war selbst die Fachjury schnell sprachlos. Für Menschen, die sich im Leben noch nicht mit den technischen Anforderungen eines Elektrobusses beschäftigt haben, hat die Gruppe „Umwelt & Energie“ beispielsweise ein erstaunlich gutes Konzept für eine kosten- und bauarme Ladetechnik vorgestellt. Ich empfehle, über ein Patent nachzudenken, bevor die Idee in die nächste Vorstandssitzung getragen wird. Nachdem die Fachjury Ihr Feedback gegeben hat, ging es anschließend zum Speed Dating, bei dem die Unternehmen sich vor den Studierenden als attraktiver Arbeitgeber vorstellen durften. Oder mussten, wie man es nimmt. Was ich mitbekommen habe, wurden hier mit Eifer Arbeitsplätze und Abschlussarbeiten vergeben. Beim anschließenden Abendessen konnten die Gespräche dann vertieft werden. An dem Punkt noch einmal vielen Dank an Matthias Kalbfuß und die HEAGmobilo für die Möglichkeit, die Abschlusspräsentation im Depot durchzuführen!

Der letzte Halt

Freitags wurde es zum Abschluss ruhiger. Die VDV-Sommeruniversität schloss mit einer Exkursion ins House of Logistic and Mobility (HOLM) in Frankfurt. Hier gab es eine Führung mit Vorstellung des HOLM, sowie des ÖPNV Labs im 6. Stock. Anschließend durften die Studierenden mir und Mark-Simon Krause von der Hochschule Darmstadt ihr Feedback zur VDV-Sommeruniversität geben. Mit kleinen Anmerkungen zu Schönheitsfehlern und Abzügen in der B-Note gingen wir schließlich alle nach einer anstrengenden Projektwoche zufrieden nach Hause. Ein Teilnehmer schrieb mir im Nachgang noch: „Es war unglaublich schön, andere Studierende aus allen Ecken und mit verschiedenen Hintergründen kennenzulernen. Das war sehr inspirierend und ich hoffe, dass man sich im beruflichen Kontext vielleicht wiedersieht.“ Und ich denke, das fasst den Geist der VDV-Sommeruniversität gut zusammen: Eine interdisziplinäre Vernetzung, um über den eigenen Horizont hinauszudenken. Verkehrswesen eben.

Merci!

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei meinem Projektteam bedanken, insbesondere bei der Hochschule Darmstadt für die schöne Zusammenarbeit. Im nächsten Jahr gibt es sicherlich eine Fortsetzung.

Autor

Ivo Hewing

Ivo mag klare Aussagen und Kreativität. Das versucht er auch in seiner Arbeit als Veranstaltungsorganisator bei der Akademie einfließen zu lassen. Wenn er nicht gerade mit westfälischem Feinsinn Tischdecken geraderückt, findet man ihn bestimmt auf einem Jazz- oder Metalkonzert oder bei einer Bergwanderung.

Kommentare (1)

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Jürgen Prof. Dr.-Ing. FollmannKommentieren am 06.10.2020

Lieber Iwo, du hast dies bestens zusammengestellt. Es war eine wirklich spannende Woche mit netten und engagierten Studierenden, vielen neuen Eindrücken auch aus anderen Disziplinen und sehr schönen Gesprächen. Ein dicker Dank auch an dich und euer Team. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr. Herzliche Grüße Jürgen Follmann
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