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7. August 2020
24.04.2020

Resilienz – Die Fähigkeit für die Krise

Das Corona-Virus hat privaten und beruflichen Alltag umgekrempelt und stellt uns vor vielfältige Herausforderungen. Zeit sich zu fragen: Wie gehen wir möglichst gut mit belastenden Situationen um und wie kann es uns gelingen, gestärkt aus Krisensituationen herauszugehen?

Darüber habe ich mit Frau Dr. Angelika Limmer gesprochen. Sie ist für die VDV-Akademie als Lernbegleiterin für die Themen Kommunikation, Konfliktmanagement und Führung im Einsatz. Sie ist außerdem Expertin, wenn es um Stressmanagement und Resilienz geht. Seit über 17 Jahren begleitet sie Menschen als Trainerin und Coach.

 

 

Frau Limmer, viele von uns sitzen derzeit im Home Office, sind in Kurzarbeit, betreuen parallel ihre Kinder. Vielleicht machen wir uns Gedanken um die eigene Gesundheit und die der Familie und Freunde. Warum kann diese aktuelle Situation deutlich belastender sein als der „Stress“, den wir aus unserem beruflichen oder privaten Alltag kennen?

Die aktuelle Situation birgt in großem Maße Unsicherheit und ist damit an sich belastend. Dadurch ergibt sich eine „Grundlast“. Mögliche Stressfaktoren aus unserem privaten und beruflichen Alltag kommen jetzt noch zu dieser Grundlast hinzu. So kann eine doppelt belastende Situation entstehen, zum Beispiel dadurch, dass ich auf einmal die Kinder hüten muss. Oder dadurch, dass ich überhaupt nicht gewöhnt bin, im Home Office zu arbeiten oder Angst habe, im Umgang mit neuen Online-Tools etwas falsch zu machen.

Im Austausch mit Familie, Freunden und Kollegen habe ich festgestellt - jeder geht mit dieser Situation anders um. Manche können die Unsicherheit etwas besser aushalten, andere können kaum einen klaren Gedanken fassen. Warum reagieren wir so unterschiedlich?

Wir Menschen an sich und unsere Verhaltensweisen sind sehr unterschiedlich. Ich möchte hier ein Modell aufgreifen, das diesen Sachverhalt vereinfacht darstellt. Es nimmt an, dass Menschen drei grundsätzliche Verhaltensvorlieben haben können: Beziehungsorientierung, Handlungsorientierung und Sachorientierung. Eine Person, die sehr stark beziehungsorientiert ist, wird momentan vermutlich am meisten unter der Trennung von geliebten Menschen und der mangelnden Nähe leiden. Demgegenüber wird jemand mit stärkerer Sachorientierung die Ruhe im Home Office vielleicht eher schätzen, da nun genug Zeit für die ungestörte Arbeit mit Zahlen, Daten, Fakten bleibt. Und jemand mit Fokus auf Handlungsorientierung fühlt sich durch die Situation möglicherweise herausgefordert und ist eher offen, Neues auszuprobieren. Sie merken schon: Diese drei Verhaltensvorlieben können eine erste Erklärung liefern, weshalb wir sehr unterschiedlich auf ein und dieselbe Situation reagieren.

Immer häufiger begegnet mir, wenn es um den persönlichen Umgang mit Stress, Belastung und Krisen geht, der Begriff „Resilienz“. Was ist damit gemeint?

Resilienz hat seinen Ursprung in der Werkstoffkunde und hat mit uns Menschen auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun. Resilienz beschreibt, wie sich ein Material z.B. nach Erhitzung oder Druckausübung verhält und stellt die Frage: Wie schnell kehrt das Material in den Ursprungszustand zurück? Denken Sie zum Beispiel an einen Schwamm. Wenn Sie ihn zusammendrücken, wird er dichter und fester. Lassen Sie ihn wieder los, sieht er aus wie vorher. Auf den Menschen übertragen beschreibt Resilienz, wie gut jemand in der Lage ist mit ungewohnten, belastenden Situationen umzugehen und wie schnell er wieder in seine Kraft zurückfindet.

Gibt es eine Möglichkeit, die eigene Resilienz zu stärken?


Wenn wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie viele Veränderungen wir bereits im Leben gemeistert haben, können wir an diese Ressourcen und Erfahrungen einfacher anknüpfen. Das ist auch ein Tipp für die aktuelle Zeit: Fragen Sie sich – wann haben Sie in der Vergangenheit schon einmal eine schwierige Zeit durchgemacht. Was haben Sie da getan? Nutzen Sie diese Ressource.

Wie kann ich als Führungskraft meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser außergewöhnlichen Situation bestmöglich unterstützen? Was hat das mit meiner eigenen Resilienz zu tun?

Für die Stärkung Ihrer eigenen Resilienz: Nutzen Sie Ihre Freizeit, um bewusst auszuspannen – zum Beispiel durch einen Spaziergang an der frischen Luft. Wenn Sie als Führungskraft fit und mit sich selbst im Reinen sind, werden Sie auch bessere Antennen für Ihre Beschäftigten haben. Für diese Zeit der Führung auf Distanz ist meine Empfehlung: Vereinbaren Sie eine wöchentliche informelle Runde mit Ihrem Team. Es geht hier nicht um einen langen Termin, aber um die Möglichkeit, ein Stimmungsbild einzuholen und ganz konkret nachzufragen: „Wie geht es euch?“.

Die aktuelle, globale Krise ist hoffentlich in näherer oder weiterer Zukunft überstanden. Wird Resilienz dann weniger wichtig oder ist es ein Thema, das wir grundsätzlich im Blick behalten sollten?

Wir sollten die Resilienz grundsätzlich weiterhin als wichtiges Thema im Auge behalten. Wir leben in einer komplexen Zeit: Wir werden mit einer Vielzahl von Informationen konfrontiert und müssen andauern entscheiden, welche davon wir aufnehmen und welche nicht. Die Geschwindigkeit unserer Arbeit hat zugenommen und wir müssen insgesamt flexibler und spontaner agieren. Dazu sind wir langfristig nur in der Lage, wenn wir gesund sind. Und dafür sorgen wir, indem wir uns mit dem Thema Resilienz beschäftigen und uns selbst bewusst reflektieren.

Auch nach Corona werden in unseren Leitstellen täglich unter Zeitdruck Störungen behoben, Umleitungen geplant und Unfallmeldungen entgegengenommen. Was kann ich in so einer Position konkret tun, um meine Resilienz zu stärken?

Hier ist es besonders wichtig, immer wieder bewusste Auszeiten einzubauen, um mir Abstand zu verschaffen. Gerade als „Sofortmaßnahme“ direkt nach einer schwierigen und stressigen Situation. Diese darf auch wirklich kurz sein – einmal aufstehen, einige tiefe und bewusste Atemzüge nehmen und auch ruhig wahrnehmen: „Das war eine heftige Situation“. Diesen Gedanken zulassen und dann auch abstreifen. Ich weiß, dass das manchmal gar nicht so leicht ist, wenn direkt die nächste Meldung auf dem Bildschirm aufblinkt. Aber spätestens nach der zweiten Notsituation sollte ich versuchen, eine solche Pause einzubauen.

Sie bieten für die Akademie ein 90-minütiges Webinar zum Thema „Resilienz“ für Führungskräfte und Leitstellenbeschäftigte an. Neben vielen Informationen wird es auch einen interaktiven Teil geben, um eigene Erfahrungen und Situationen einzubringen. Warum sollten Interessierte sich unbedingt für das Webinar anmelden?

(lacht). Das ist natürlich eine schwierige Frage.

Ich denke, häufig sausen wir durch unser Leben – von Termin zu Termin. Damit verlieren wir manchmal aus den Augen, dass wir immer wieder mal den Blick auf uns selbst brauchen. Im Webinar werden wir genau dazu die Gelegenheit haben: Uns reflektieren, achtsamer uns selbst gegenüber sein. Wirklich bewusst beobachten, was wir da gerade tun und wie es uns gerade geht.

Sie haben schon viele Resilienz-Trainings gegeben. Gibt es bestimmte Aspekte, die - auch über verschiedene Branchen und Berufsgruppen hinweg - immer wieder aufkommen?

Für viele ist ein Thema, das immer wieder aufkommt, die „Akzeptanz“. Damit ist gemeint, inwiefern ich die Situation, in der ich gerade bin, zunächst einmal als gegeben akzeptiere. Ein Beispiel: Wenn es draußen regnet, kann ich mich lang und breit darüber aufregen oder aber einfach einen Schirm mitnehmen. Solche Situationen kommen vielen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sehr bekannt vor.

Zum Abschluss noch die Frage nach einem unkomplizierten Alltags-Tipp: Wie kann ich meine Resilienz dauerhaft stärken?

Ich möchte Ihnen zwei Dinge mit auf den Weg geben. Erstens: Tun Sie möglichst viel von dem, was Sie gerne tun. Das macht uns resilient. Ich weiß, dass viele unserer liebsten Hobbies derzeit nicht umsetzbar sind. Tun Sie also das, was jetzt möglich ist – Musik hören, spazieren gehen, lesen, Radfahren.

Zweitens: Meistens, wenn wir uns etwas Neues vornehmen, ist die Gefahr, dass es sofort im Alltag wieder untergeht. Vielleicht war da eine gute Erkenntnis, aber sie gerät schnell wieder in Vergessenheit. Doch da gibt es eine einfache Methode: Das sogenannte „Ankern“. Sie kennen das doch sicher – Sie hören eine Melodie und sofort denken Sie an eine Situation. Zum Beispiel, als Sie Ihren Partner kennengelernt haben. Gewisse Melodien, Düfte oder Bilder erinnern uns sofort an Situationen – im Positiven wie im Negativen. Dieses Ankern können wir gut für uns nutzen. Zum Beispiel, wenn wir uns vornehmen: „Ich möchte darauf achten, regelmäßiger eine kurze Pause einzulegen.“ Wir wählen einen Gegenstand, ein Wort, ein Bild, das wir auf den Schreibtisch legen. Sobald zufällig unser Blick darauf fällt, werden wir wie automatisch daran erinnert „Ah, da war doch was. Ich wollte häufiger kurze Pausen einlegen.“ Das ist eine hilfreiche und unkomplizierte Methode, um schnell kleine Veränderungen in den Alltag zu integrieren. Und niemand außer Ihnen wird wissen, was der Gegenstand bedeutet. Probieren Sie es mal aus.

Liebe Frau Limmer, ich bedanke mich herzlich für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.

Autor

Thea Wehlitz

Thea setzt sich dafür ein, dass die Lehrgänge der Akademie noch individueller und praxisbezogener werden. Wenn sie nicht gerade unterwegs zur nächsten Veranstaltung ist oder als Dozentin effektive Tipps zum „Lernen lernen“ vermittelt, bereist sie gerne die Welt und entdeckt neue Länder und Kulturen. Pünktlich zur Karnevalszeit ist sie als Kölnerin aber immer zurück in der Stadt am Rhing.

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