Kennen Sie das aus Ihrem Unternehmen? Sie suchen dringend Fachkräfte und investieren viel Zeit in die externe Personalgewinnung. Dabei beginnt Fachkräftegewinnung oft im eigenen Betrieb. Viele Ihrer Beschäftigten bringen Erfahrung, Praxiswissen und Entwicklungspotenzial mit. Doch dieses Potenzial findet nicht immer den Weg zur passenden Qualifizierung. Weiterbildungsangebote allein reichen dafür selten aus. Gerade die Kolleginnen und Kollegen, die am meisten von einer Qualifizierung profitieren würden, melden sich am seltensten an.
"Der Veränderungsdruck im ÖPNV ist hoch – für viele Kolleg*innen verändern sich Aufgaben und Anforderungen. Weiterbildung kann Beschäftigte dabei unterstützen, ihre Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten, neue berufliche Perspektiven zu entwickeln und den eigenen Berufsweg selbstbestimmt zu gestalten." - Luca Seufert, Gewerkschaftssekretär, ver.di
Umso wichtiger ist es, Beschäftigte gezielt dort anzusprechen, wo Qualifizierung konkrete Perspektiven eröffnet. Wer bisher wenig positive Lernerfahrungen gemacht hat, im Schichtdienst arbeitet oder familiär stark gebunden ist, braucht häufig persönliche Orientierung. Mit der richtigen Ansprache und Beratung können Sie diesen Beschäftigten den Zugang zu Weiterbildung erleichtern. Genau hier setzt Weiterbildungsmentoring an.
Warum die Förderung von Weiterbildung für den ÖPNV mehr als ein Randthema ist
Die Branche steht unter Druck. Bis 2030 müssen die Verkehrsunternehmen nach VDV-Zahlen rund 110.000 neue Beschäftigte gewinnen. Gleichzeitig verändern Digitalisierung und die Mobilitätswende die Anforderungen an nahezu jedem Arbeitsplatz.
Neue Leute einstellen, reicht deshalb nicht. Genauso wichtig ist es, die Beschäftigten weiterzuentwickeln, die heute schon da sind, und sie bei Veränderungen mitzunehmen. Das gelingt aber nur, wenn Weiterbildung wirklich in der Belegschaft ankommt: in der Werkstatt genauso wie im Fahrdienst, gerade auch bei denen, die bisher einen Bogen um Seminare gemacht haben.
Was Weiterbildungsmentorinnen und -mentoren leisten
Genau hier setzen Weiterbildungsmentorinnen und -mentoren an, kurz WBM. Das sind keine Fachleute von außen, sondern Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Betrieb, die für diese Aufgabe qualifiziert werden. Sie sind Teil des Teams, kennen den Arbeitsalltag und sprechen die richtige Sprache. Sie sind dort ansprechbar, wo klassische Beratungsstrukturen nicht hinkommen: im Pausenraum oder auf dem Betriebshof.
Ihre Stärke ist die Ansprache auf Augenhöhe. WBM kennen ihre Kolleg*innen und deren Bedarfe und können im Rahmen der bestehenden Strukturen auf passende Weiterbildungsangebote aufmerksam machen. Dabei arbeiten sie eng mit Führungskräften, Betriebsrat und Personalentwicklung und weiteren zuständigen Ansprechpersonen zusammen. Rückmeldungen zu wahrgenommenen Weiterbildungsbedarfen können sie an die zuständigen Stellen weitergeben und damit die Planung bedarfsgerechter Angebote unterstützen. Sie begleiten Mitarbeitende bei Interesse auf dem Weg in die Weiterbildung und vermitteln bei Bedarf an interne und externe Beratungsangebote. Dabei geht es nicht darum, Weiterbildung vorzugeben oder Entscheidungen vorwegzunehmen, sondern Orientierung zu geben, Zugänge zu erleichtern und Mitarbeitende in ihren eigenen Stärken und Interessen zu unterstützen. So kann insbesondere für Beschäftigte, die klassische Weiterbildungsangebote bisher wenig genutzt haben, ein niedrigschwelliger Zugang entstehen.
Das Konzept ist erprobt: Gewerkschaften qualifizieren solche Mentorinnen und Mentoren seit einigen Jahren branchenübergreifend, wissenschaftlich begleitet vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Neu ist, dass dieser Ansatz durch unser Projekt „Triale WBM-Offensive“ jetzt gezielt in den öffentlichen Verkehr kommt. Hier arbeiten wir als VDV-Akademie mit ver.di Hand in Hand, um den WBM-Ansatz in der ÖPNV-Branche zu verankern. Ver.di bringt dabei umfangreiche Erfahrungen aus dem Vorgängerprojekt mendi.net ein, in dem der Ansatz des Weiterbildungsmentorings bereits entwickelt und praktisch erprobt wurde
„Kein Betrieb muss das allein stemmen. Wir begleiten Verkehrsunternehmen gezielt dabei, Weiterbildungsmentorinnen und -mentoren in ihren Betrieben zu verankern. Uns ist es besonders wichtig, die Bedarfe von kleinen, mittleren und großen Unternehmen abzudecken. Wir bringen keine fertige Schablone mit, nach der sich alle richten sollen. Wir erarbeiten mit jedem Verkehrsunternehmen den passenden Ansatz. Der Mehrwert ist ganz konkret: mehr Beschäftigte, die den Schritt in die Weiterbildung gehen, und eine verbesserte Lernkultur, die auch nach dem Projekt bleibt.“ - Dr. Katja Kirsten, Projektleitung, VDV-Akademie
Was die Triale WBM-Offensive besonders macht
Die „Triale WBM-Offensive“ bringt das WBM-Modell in die ÖPNV-Branche und geht dabei einen eigenen Weg. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite ziehen von Anfang an gemeinsam an einem Strang: In Tandems arbeiten immer zwei Kolleg*innen als WBM zusammen. Sie werden paritätisch durch den Betriebsrat und den Arbeitgeber benannt. Die Stärken aller Beteiligten werden dadurch vernetzt: Die fachliche Perspektive der Personalentwicklung, die Arbeitnehmervertretung des Betriebsrates und die kollegiale Beratung der WBM. Ratsuchende sind so optimal angebunden und können leichter an die passende Stelle weitervermittelt werden. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Weiterbildung gelingt nur, wenn sie im Betrieb verankert ist und von allen Seiten getragen wird. Um das gemeinsame Lernen in der Branche zu stärken, können sich die WBM auch überbetrieblich vernetzen. Dazu bauen wir ein Netzwerk auf, das online und offline Möglichkeiten zum Austauschen bietet.
Ein konkreter Mehrwert: Weiterbildungslandkarten
Ein weiterer Benefit des Projektes: Die Entwicklung von Weiterbildungslandkarten. Hinter dem komplizierten Begriff steckt ein simpler Gedanke. Häufig fehlt in Betrieben die Transparenz, welche Weiterbildungen und Karrierewege es überhaupt gibt. Dieses Wissen machen wir in Landkarten greifbar und anschaulich. Das hilft WBM bei der Beratung und vereinfacht die Arbeit von Personalentwicklung und Betriebsrat.
Das ist erst der Anfang
Dies ist der erste Beitrag rund um die Triale WBM-Offensive. In den kommenden Monaten nehmen wir Sie mit in die Betriebe und teilen, was in den Praxisunternehmen entsteht. Schauen Sie gern wieder vorbei.