Etwa jede zweite Person in Deutschland lebt in einer ländlichen Region. Ob Arbeit, Bildung, medizinische Versorgung und Alltag erreichbar bleiben, hängt dort wesentlich von einem verlässlichen öffentlichen Verkehr ab. „ÖPNV im ländlichen Raum ist keine Nebenfrage der Verkehrspolitik. Er ist Daseinsvorsorge, Standortfaktor und Voraussetzung für Teilhabe. Damit Bus und Bahn eine verlässliche Wahl werden, brauchen ländliche Räume gute Angebote, verlässliche Anschlüsse und den mutigen Einsatz neuer Technologien. Integrierte Mobilitätslösungen, flexible Bedienformen und auch öffentliche Robotaxi-Angebote können dort neue Perspektiven eröffnen, wo klassischer Linienverkehr allein an Grenzen stößt. Dafür braucht es vor Ort Gestaltungskraft und den gemeinsamen Willen von Kommunen, Ländern, Aufgabenträgern und Verkehrsunternehmen“, sagt Alexander Möller, Geschäftsführer der VDV-Akademie. Die 2. Fachveranstaltung „ÖPNV im ländlichen Raum“ am 19./20. November in Göttingen greift das Thema mit Praxisbeispielen und fachpolitischen Perspektiven auf.
Die Branche fordert für ländliche Räume ein flächendeckendes und verlässliches Angebot an allen Tagen. Dazu gehören ein 60-Minuten-Takt als Orientierung, ergänzende bedarfsgerechte Angebote und gute Anschlüsse. Die Reisezeit mit dem öffentlichen Verkehr sollte nicht mehr als das 1,5-Fache einer Autofahrt betragen. Entscheidend hierfür sind integrierte Fahrpläne, verlässliche Umsteigebeziehungen und Lösungen für die letzte Meile.
Ländliche Mobilität braucht verlässliche Strukturen
Viele Angebote im ländlichen Raum sind noch stark auf den Schülerverkehr ausgerichtet. Doch die Anforderungen wachsen. Eine älter werdende Bevölkerung, der Zugang zu Arbeit und Bildung und regionale Wertschöpfung verlangen nach einem ÖPNV, der im Alltag belastbar funktioniert. Dafür muss öffentlicher Verkehr früh in die Raum- und Standortplanung einbezogen werden, etwa bei Gewerbegebieten, Verkaufsflächen und Schulen. Auch als Entwicklungsfaktor für Kommunen und Regionen gewinnt er an Gewicht. Notwendig ist eine engere Zusammenarbeit von Verkehrsunternehmen, Aufgabenträgern, Kommunen, Ländern und weiteren Partnern.
Finanzierung, Digitalisierung und Personal zusammendenken
Für den Ausbau öffentlicher Mobilität im ländlichen Raum braucht planbare Rahmenbedingungen. Bund und Länder müssen die Finanzierung zweckgebunden und langfristig sichern. Förderverfahren müssen einfacher, schneller und verlässlicher werden. „Die Vorreiter im ländlichen Raum zeigen: Wichtig sind moderne Infrastruktur und Digitalisierung: flächendeckende Netzverfügbarkeit, schnelles Internet, digitale Fahrgastinformationen in Echtzeit, E-Ticketing und appbasierte Auskunftssysteme. Flexible Bedienformen, On-Demand-Angebote können dort ergänzen, wo klassischer Linienverkehr allein nicht ausreicht“, so Möller. Auch die Fachkräftesicherung bleibt eine zentrale Voraussetzung. Nötig sind stärker digitalisierte Berufsausbildungen vor allem für kleinere Unternehmen. Aus Sicht der Unternehmen ist im Ergebnis der Akademie-Sommerumfrage vor allem die Ausbildung von Fachkräften mit Vorbereitung auf neue Aufgaben und Zukunftsthemen (71%), digitale Kompetenzen (67%) sowie Führen und Zusammenarbeit in Zeiten des Wandels (63%) wichtig.
Tourismus: Thema unter mehreren
Ein Themenblock der Fachveranstaltung im November befasst sich mit touristischer Mobilität. Gerade in ländlichen Destinationen können attraktive Angebote von Bus und Bahn dazu beitragen, Parkdruck, Staus und Belastungen für Natur- und Ortskerne zu verringern. Die VDV-Branchenumfrage zum touristischen ÖPNV zeigt zugleich, dass 67 Prozent der befragten Verkehrsunternehmen die Bequemlichkeit des Autos als größtes Hemmnis für die Nutzung des ÖPNV am Urlaubsort sehen. Außerdem: 45 Prozent geben an, dass keine Tourismusmittel in den ÖPNV fließen. Die Fachveranstaltung bringt Fachleute aus Politik, Verwaltung, Verkehr und Tourismus zusammen. Auf dem Programm stehen Impulse und Praxisbeispiele zu Regionalentwicklung, Förder- und Netzwerkperspektiven, betrieblichen Umsetzungsstrategien und Lösungen für die letzte Meile. Die Tagung richtet sich insbesondere an Landkreise, Kommunen und Verkehrsunternehmen, die nach übertragbaren Ansätzen für verlässliche Mobilitätsangebote im ländlichen Raum suchen.
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